Archiv

Artikel Tagged ‘Grimm’

Karl Valentin und Robert Gernhardt zur Inflation der Dissertationen

3. April 2011 | Autor: viktor | abgelegt in Allgemein

PLAGIAT, n., aus franz. plagiat m., literarischer diebstahl, so das Deutsche Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm im Siebenten Band, 1889 in Leipzig erschienen.

Als Textbeispiel wird ein Satz von Heinrich Heine aus seinem Dritten Buch zur Geschichte der Religion & Philosophie in Deutschland (geschrieben zu Paris, im Monat Dezember 1834) angeführt:

“Die Italiener behaupten, Herr Schelling habe dem alten Bruno seine besten Gedanken entlehnt und sie beschuldigen ihn des Plagiats. Sie haben unrecht; denn es gibt kein Plagiat in der Philosophie.”

… denn es gibt kein Plagiat in der Philosophie. Wir sind Zwerge auf den Schultern von Riesen, so lautet ein mittelalterliches Bild.

Die gegenwärtige Debatte um Plagiate in Dissertationen zeigt vor allem eines deutlich: eigentlich interessiert sich niemand für die Inhalte. Niemand mag das lesen. Oft nicht einmal die Gutachter. Erst seit dem jeder Lesen Programmen überlassen kann, zum Beispiel mit PlagScan, erlangen manche Dissertationen eine gewisse Beachtung – sofern die Verfasser hinreichend bekannt sind. Da die Inhalte belanglos sind, wird auf die Form geschaut.

Um 1900 lag die Anzahl der Promotionen in Deutschland bei etwa ein Tausend pro Jahr. Mitte der 1970er Jahre waren es bereits mehr als zehn mal soviel. Derzeit kommen jährlich 25 Tausend neue Promotionen pro Jahr hinzu. Karl Valentin hat es so ausgedrückt: “Es ist schon alles gesagt, nur nicht von allen”.

Inflation führt zu Entwertung. Nicht nur beim Geld. Auch bei Dissertationen. Deshalb geht es vor allem darum, die Form zu wahren. Wie bei einem Sonett.

Der Spötter Robert Gernhardt hat sich in seinem Sonett Materialien zu einer Kritik der bekanntesten Gedichtform italienischen Ursprungs mit dieser Thematik auseinandergesetzt (vergleiche dazu Klaus M. Rarischs Anti-Sonett), etwa so:

Dass wer den Mut hat, heute noch so’n dumpfen Scheiß zu bauen; allein der Fakt, daß so ein Typ das tut, kann mir in echt den ganzen Tag versauen.

PS: ganz vergessen wollen wir freilich nicht, dass es durchaus auch Dissertationen gibt, die einen eigenständigen und wesentlichen Beitrag zur wissenschaftlichen Forschung leisten, von solchen ist in diesen Tagen in der Öffentlichkeit nun aber ganz und gar nicht die Rede.

 

  3 Kommentare, lesen und kommentieren?


Tanzmaus