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Die Ethik des Restrisikos

2. April 2011 | Autor: viktor | abgelegt in Allgemein

Es ist das Restrisiko, dass uns gegenwärtig Kummer bereitet. Eigentlich ist es doch so klein, eben höchst unwahrscheinlich. Und nun ist es doch eingetreten. Wie unangenehm.

Lottospieler sehen das anders. Sie kennen sich aus mit dem Restrisiko. Etwa 1 : 140 Millionen beträgt die Wahrscheinlichkeit, beim Lotto den Jackpott zu knacken um, sagen wir einmal, 20 Millionen Euro zu gewinnen. Also recht unwahrscheinlich, oder?

Alles theoretischer Kram, denken viele und spielen regelmäßig beim Lotto mit. Wir hoffen auf das unwahrscheinliche Ereignis, den Jackpot zu unseren Gunsten. Wir hoffen auf das Restrisiko. Entweder wir verlieren, wie gewöhnlich jeden Samstag aufs Neue, dann ist der gesamte Wetteinsatz verloren. Oder aber wir gewinnen. Und dann sind wir stolze Besitzer von 20 Millionen Euro und alles ist auf einmal anders.

Genau so ist es mit dem Restrisiko von Atomkraftwerken bestellt. Nur halt ein bisschen spiegelverkehrt.

Jeder Lottospieler weiß, dass das Unwahrscheinliche möglich ist. Wir haben es gewusst. Wenn wir den atomaren Jackpot zugereicht bekommen, dann ist alles auf einmal ganz anders. Das ist es, was wir in Tschernobyl gesehen und dann beinahe wieder vergessen hatten und was uns Fukushima erneut schmerzlich vor Augen führt.

„Die neue Nachdenklichkeit“ überschreibt das Handelsblatt seine Ausgabe vom 18./19, März 2011 und zitiert darin eine bemerkenswerte Aussage von Franz Fehrenbach, seit 1. Juli 2003 Vorsitzender der Geschäftsführung der Robert Bosch GmbH: „Wir müssen in Zukunft davon ausgehen, dass Restrisiken auch eintreten. Und wir müssen uns die Tragweite dieser Restrisiken bewusst machen vor jeglicher neuen Technologie-Einführung.“

Wir Lottospieler können ihm da nur zustimmen, wir wissen, dass der Jackpot unwahrscheinlich aber möglich ist.

Das Handelsblatt beschließt seinen Artikel über die neue Nachdenklichkeit mit einem Verweis auf den 1903 in Mönchengladbach geborenen und 1993 in New York verstorbenen Philosophen Hans Jonas:

Eins steht fest: Von dem Werk des Philosophen Hans Jonas, der im Harrisburg Jahr 1979 das Buch „Das Prinzip Verantwortung“ veröffentlichte, können wir immer noch viel lernen. Jonas entwickelte eine Ethik für das Zeitalter der Großtechnologien. Sein Kernsatz: „Handle so, dass die Wirkungen Deiner Handlungen verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden“.

Die Anleihe am Kantschen Imperativ ist unübersehbar und gewollt.

Das ist die Ethik des Restrisikos: dass die Frage, ob wir ein Restrisiko eingehen sollten oder nicht, eben keine technisch-naturwissenschaftlich-mathematische Frage nach der Größe des Restrisikos ist, sondern eine ethische Frage, die sich nicht mit einem Taschenrechner beantworten lässt.

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