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Archiv für die Kategorie ‘Allgemein’

Der Bürgermeister von Vilnius kämpft für Radfahrer

4. August 2011 | Autor: viktor | abgelegt in Allgemein

Der Bürgermeister von Vilnius geht (im Video) recht drastisch gegen Parksünder vor, die ihr Nobel-Auto auf dem Radfahrstreifen abgestellt haben.

Wir fragen uns, warum er links einsteigt, wenn er schließlich rechts sitzen möchte?

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Dr. Knies und der Tod

22. Mai 2011 | Autor: viktor | abgelegt in Allgemein

Ein Zeichen des vorgerückten Alters ist, dass man sich der früheren Jahre erinnert und der Menschen, die einem dort begegnet sind. Dazu gehören bevorzugt Lehrer. Dr. Knies war ein solcher.
Überzeugter Reno Raucher, vor allen Dingen Religionslehrer. Er duzte uns und bestand auf dem Dr. vor dem Knies.

Evangelische Religion. Oberstufe, Ende der 1960er Jahre. Ein kleines Grüpplein derer, die das Fach nicht abgewählt hatten. Hauptgrund: Dr. Knies. Kein Jesus Christus – ach wie gut ist unser Gott – Geseiche. Ein engangierter Lehrer mit einem humanistischen Weltbild und Sorge um das geistige Wohlergehen seiner Schüler. Jeder bekam ein kleines Büchlein mit Sprüchen von Tagore. Gemocht habe ich diese Sprüche weder damals noch heute, ich fand keinen Zugang dazu.

Was sucht ein junger Mensch mit 16 bis 18 Jahren? Die Auseinandersetzung, das Erproben eigener Ideen, das Infragestellen des Hergebrachten.

Dr. Knies stellte sich diesen Herausforderungen. Wir stritten mit ihm. Wir verehrten und beschimpften ihn. Manchmal litt er unter der Ignoranz der Jugend.

Dr. Knies forderte uns. Wie sehr wir eigentlich am Leben hingen. Was wir wohl tun würden, wenn wir wüssten, dass wir morgen sterben würden? Verhaltenes Lachen und Glucksen. Betroffenes Schweigen auch.

Die Frage hat angeregt, hat uns bewegt. In guten und auch zu anderen Zeiten: Was würde man anders machen, wenn man wüsste, dass … ? Seither begleitet mich die Erinnerung an Dr. Knies. Immer wieder habe ich mir das “dass … ?” vorgehalten und Antwortversuche durchdacht. Es hat geholfen, schwierige Situationen zu überwinden. Zwei Leitplanken sind hinzugekommen, die zusätzlich Halt geben können:

Zum einen das Luther zugeschriebene Apfelbäumchenzitat:
Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute ein Apfelbäumchen pflanzen!

Zum andern Hermann Hesses Stufengedicht:

Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegensenden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden …
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!
 

Dr. Knies sei Dank, der selbst leider viel zu früh an Lungenkrebs verstarb.

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Tanzmaus

Privacy

9. Mai 2011 | Autor: viktor | abgelegt in Allgemein

Heute hat die Volkszählung begonnen. Pflichtschuldigst werden an der ein oder andern Stelle Bedenken geäußert. 1987 war das anders.

Das Internet hat unsere Einstellung verändert. Auf der einen Seite sind wir sensibel geworden. Nicht alle Daten gehören in die Öffentlichkeit. Vor allem solche nicht, die uns kompromitieren könnten, das haben wir verstanden. Auch solche nicht, die wie eine Einladung zur mißbräuchlichen Nutzung ausschauen könnten.

Aber darüber hinaus?

Das Internet macht aus der Welt ein Dorf, so war schon vor mehr als zehn Jahren zu hören. Kann man sich in einem Dorf verstecken? Weniger gut. Wer wahrgenommen werden will, der muss schon irgendwie auch etwas von sich preisgeben. Sonst macht Kommunikation keinen Sinn. Einen Namen zumindest. Selbst wenn es sich um einen Decknamen handelt. Mit wievielen verschiedenen Identitäten kann der Mensch umgehen? Zwei, drei, vier vielleicht. Danach wird es unübersichtlich.

Und machmal heißt es einfach: Ich bin ich. Und hier stehe ich, und dazu stehe ich.

Wie zu hören war, wird diesmal nicht jeder gezählt, sondern nur eine repräsentative Auswahl, etwa jeder Zehnte. So wird es sein: jetzt, wo ich die Volkszählung, pardon, den Zensus unterstützen würde, jetzt kommt keiner. Dabei würde ich so gerne darauf aufmerksam machen, dass mein Jahrgang ein starker Jahrgang war und wohl immer noch ist. Es heißt sich sputen, die Heimplätze, die uns einmal aufnehmen sollen, müssen zum großen Teil erst noch gebaut werden und das Pflegepersonal noch geschult und eingestellt werden.

Na gut, vielleicht gehen unsere zukünftigen Pflegerinnen und Pfleger ja noch zur Schule oder in den Kindergarten. Wenn es gut läuft, so sind sie noch nicht einmal geboren, wer weiß.

Also einen Schritt zurück: bevor die Heimplätze für uns gebaut werden, ist es vielleicht doch vorrangiger, für eine gute Ausbildung unserer Kinder zu sorgen. Und die fängt nicht erst in der Schule an, sondern spätesten im Kindergarten, oder noch früher – U3, unter drei.

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Wissenschaft spricht eine klare Sprache

8. Mai 2011 | Autor: Bruno | abgelegt in Allgemein

Wissenschaftler brauchen wohldefinierte Begriffe, um sich verständlich und eindeutig ausdrücken zu können. Das ist ein hohe Kunst, die nicht jeder beherrscht. Das wusste auch schon Goethes Mephistopheles:

Denn eben wo Begriffe fehlen,
da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein.
Mit Worten läßt sich trefflich streiten,
mit Worten ein System bereiten,
an Worte läßt sich trefflich glauben,
von einem Wort läßt sich kein Iota rauben.

Ein weiteres, besonders gut gelungenes Beispiel findet sich in folgendem Text, wozu uns leider die Autoren gerade nicht zur Hand sind:

Bei cognitive apprenticeship werden in der Lernumgebung verschiedene Qualitäten und Grade der äußeren Anleitung berücksichtigt; Lernende erwerben über authentische Aktivitäten und soziale Interaktion inhaltliches, domänenspezifisches Wissen sowie strategisches Wissen und werden dadurch in die Expertenpraxis eingeführt. Das Lernen beginnt an globalen Problemstellungen, damit die Lernenden einen konzeptuellen Rahmen von dem, was zu lernen ist, aufbauen können.
Die Lernumgebung wird dann zunehmend komplexer und unterschiedlicher gestaltet. Indem immer wieder verschiedene Kontexte herangezogen werden, erwerben die Lernenden die Fähigkeit, das erworbene Wissen flexibel anzuwenden. Zentral ist dabei stets der sozial-kommunikative Austausch zwischen Lernenden und Lehrenden sowie zwischen den Lernenden untereinander: Durch kooperatives Lernen und Arbeiten können sich die Lernenden zu echten Mitgliedern der Expertenkultur entwickeln.

Man macht sich da so seine Gedanken.

Einerseits begeistert es zu sehen, welch ungeahnte Verbindungen Adjektive mit Substantiven eingehen können. Andererseits will uns überhaupt kein Beispiel einer nicht authentischen Aktivität einfallen, jedenfalls soweit es sich nicht bereits um eine soziale Interaktion handelt. Da zeigt sich unser laienhafter Verstand.

Oder sind hier einfach authentische soziale Interaktionen gemeint? Oder, noch einfacher, könnte man das “authentisch” streichen ohne an wissenschaftlicher Präzision zu verlieren?

Über “globale Problemstellungen” (im Zitat der nächste Satz) getrauen wir uns noch gar nicht nachzudenken. Es wäre zu befürchten, dass es sich hier um Fragen nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest handeln könnte. Wohl verstehen wir, dass man in der Tat für diese Antwort einen konzeptuellen Rahmen benötigt, der zunehmend komplexer und unterschiedlicher gestaltet wird, so dass sich schließlich unter Berücksichtigung der Zentralität des sozial-kommunikativen Austauschs ein echtes Mitglied der Expertenkultur entwickelt.

Oder, wie war apprenticeship gemeint?

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Riesen auf den Schultern von Zwergen

25. April 2011 | Autor: viktor | abgelegt in Allgemein

Verstört hat womöglich das Bild von den Zwergen auf den Schulter von Riesen im Zusammenhang mit der Heineschen Bemerkung, dass es kein Plagiat in der Philosophie gäbe (vgl die Bemerkungen über die Herren Valentin und Gernhardt).

Bruno hat es in seinem Kommentar auf den Punkt gebracht: Die Natur kennt kein Copyright. Da wird gnadenlos abgeschrieben und Neues geschaffen indem man Altes kopiert, ein wenig verändert und neu zusammensetzt. Mutationen eben. Da fragt niemand nach korrekten Zitaten. Allerdings braucht die Natur auch keinen Doktortitel.

Dem mittelalterlichen Menschen schien das Ausmaß der in seiner Zeit gewonnenen Einsichten gering zu sein gegenüber dem was vorher schon geschaffen worden war. Vieles ging beim Brand der Bibliothek in Alexandria verloren oder kam sonstwie abhanden. Voller Ehrfurcht schaute man auf die Riesen der Vergangenheit, insbesondere die griechischen Riesen Platon, Sokrates und Aristoteles. Daher sah man sich selbst als Zwerg, aber auf den Schultern von Riesen stehend.

Der Mensch des 21. Jahrhunderts hat mit dem Bild so seine Schwierigkeiten. Die atemberaubende Entwicklung der letzten Jahrzente kehrt ihm das Bild um. Manche sehen sich wohl gerne als Riesen, auf den Schultern von Zwergen stehend.

Und wer von Zwergen abschreibt, der braucht kein korrektes Zitat. Ist doch klar, oder?

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Tanzmaus

Ostermärsche 2011

22. April 2011 | Autor: viktor | abgelegt in Allgemein

Man könnte den Eindruck haben, dass die Zeit der Kriege vorbei wäre. Die Friedensbewegung und die Anti-Atomkraft Bewegung rücken näher zusammen, so ist zu hören. Erfreulich ist das.

Aber, wo bleibt der Aufschrei über Afghanistan? Nichts ist gut in Afghanistan – das kann nicht oft genug wiederholt werden. Ebenso: Nichts ist gut in Libyen. Bisher hat noch fast  jeder Krieg mit humanitären Floskeln begonnen und letztlich doch nur das Leid vergrößert.

Zu Ostern darf und muss es gesagt werden: Wir sollten froh sein um jeden Krieg, in den wir uns nicht hineinziehen lassen.

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Tanzmaus

Wozu etwas wissen, wenn es im Internet steht?

15. April 2011 | Autor: viktor | abgelegt in Allgemein

Was wissen wir, was können wir wissen?
Gerne beginnt man die Diskussion der epistemologischen Grundlagen bei Platon und Aristoteles. Für Platon gibt es Wissen, dass nicht durch unsere Sinneswahrnehmungen erklärt werden muss. Aristoteles unterscheidet zwischen theoretischem Wissen als Ergebnis des Denkens und praktischem Wissen, das aus der Erfahrung herkommt.

Wissen kann an zukünftige Generationen weitergegeben werden. Sei es durch Lagerfeuergeschichten, durch Ammenmärchen, durch genetische Disposition oder auch schriftlich und seit ein paar Jahrzehnten auch durch die sogenannten neuen Medien, allen voran das Internet.

Noch aus der Vor-Internetzeit stammt ein Bonmot von Umberto Eco, der sagte, dass er sich im Mittelalter besser auskenne als in der Jetzt-Zeit. Das Mittelalter kenne er aus erster Hand (damit bezog er sich auf die überlieferten Quellen), wohingegen das Heute lediglich durch das Fernsehen zugänglich sei.

Fernsehen hat an Bedeutung verloren. Gedrucktes hat an Bedeutung verloren. Das Internet ist der allgegenwärtige Wissensträger. Hieß es früher, dass das Sein das Bewusstein präge, so gilt nun die Devise, dass die virtuelle Welt das Sein prägt. Versuchen  Sie einmal einem Lastwagenfahrer zu erklären, dass er sich auf einem Waldweg befindet wenn ihm sein Routenplaner eine Durchgangsstraße versprochen hat.

Nicholas Carr, ein trendy Autor und Sich-Gedanken-Macher, beschreibt die eine Seite der sich daraus ergebenden Konsequenzen in seinem Büchlein mit dem Untertitel What the Internet is doing to our Brains. Man vermutet zu Recht: nichts Gutes. Jedenfalls auf den ersten Blick.

Wenn uns Wissen allgegenwärtig extern zur Verfügung steht, so brauchen wir uns selbst damit nicht zu belasten. Bei Stromausfall sind wir halt dumm wie Bohnenstroh und wissen nicht einmal mehr, woher diese Floskel kommt.

Der Paradigmen-Wechsel ist offensichtlich. Nicht was ich aktuell weiß ist wesentlich, sondern was ich mir zügig aneignen kann. Und das ist potenziell so gut wie alles. Gunter Dueck, ebenfalls ein trendy Sich-Gedanken-Macher, aber weitaus scharfsinniger und spöttischer als manch anderer, sieht Chanchen. Nicht mehr der Technokrat mit seinem Faktenwissen sei entscheidend, denn das Faktenwissen gäbe es im Internet. Dueck sieht soziale Fähigkeiten wie “Empathie”, das Sich-Einfühlen-Können, mehr und mehr in den Vordergrund treten. Unterhaltsam, provokant sowie zum Nachdenken anregend:

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Tanzmaus

Karl Valentin und Robert Gernhardt zur Inflation der Dissertationen

3. April 2011 | Autor: viktor | abgelegt in Allgemein

PLAGIAT, n., aus franz. plagiat m., literarischer diebstahl, so das Deutsche Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm im Siebenten Band, 1889 in Leipzig erschienen.

Als Textbeispiel wird ein Satz von Heinrich Heine aus seinem Dritten Buch zur Geschichte der Religion & Philosophie in Deutschland (geschrieben zu Paris, im Monat Dezember 1834) angeführt:

“Die Italiener behaupten, Herr Schelling habe dem alten Bruno seine besten Gedanken entlehnt und sie beschuldigen ihn des Plagiats. Sie haben unrecht; denn es gibt kein Plagiat in der Philosophie.”

… denn es gibt kein Plagiat in der Philosophie. Wir sind Zwerge auf den Schultern von Riesen, so lautet ein mittelalterliches Bild.

Die gegenwärtige Debatte um Plagiate in Dissertationen zeigt vor allem eines deutlich: eigentlich interessiert sich niemand für die Inhalte. Niemand mag das lesen. Oft nicht einmal die Gutachter. Erst seit dem jeder Lesen Programmen überlassen kann, zum Beispiel mit PlagScan, erlangen manche Dissertationen eine gewisse Beachtung – sofern die Verfasser hinreichend bekannt sind. Da die Inhalte belanglos sind, wird auf die Form geschaut.

Um 1900 lag die Anzahl der Promotionen in Deutschland bei etwa ein Tausend pro Jahr. Mitte der 1970er Jahre waren es bereits mehr als zehn mal soviel. Derzeit kommen jährlich 25 Tausend neue Promotionen pro Jahr hinzu. Karl Valentin hat es so ausgedrückt: “Es ist schon alles gesagt, nur nicht von allen”.

Inflation führt zu Entwertung. Nicht nur beim Geld. Auch bei Dissertationen. Deshalb geht es vor allem darum, die Form zu wahren. Wie bei einem Sonett.

Der Spötter Robert Gernhardt hat sich in seinem Sonett Materialien zu einer Kritik der bekanntesten Gedichtform italienischen Ursprungs mit dieser Thematik auseinandergesetzt (vergleiche dazu Klaus M. Rarischs Anti-Sonett), etwa so:

Dass wer den Mut hat, heute noch so’n dumpfen Scheiß zu bauen; allein der Fakt, daß so ein Typ das tut, kann mir in echt den ganzen Tag versauen.

PS: ganz vergessen wollen wir freilich nicht, dass es durchaus auch Dissertationen gibt, die einen eigenständigen und wesentlichen Beitrag zur wissenschaftlichen Forschung leisten, von solchen ist in diesen Tagen in der Öffentlichkeit nun aber ganz und gar nicht die Rede.

 

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Tanzmaus

Die Ethik des Restrisikos

2. April 2011 | Autor: viktor | abgelegt in Allgemein

Es ist das Restrisiko, dass uns gegenwärtig Kummer bereitet. Eigentlich ist es doch so klein, eben höchst unwahrscheinlich. Und nun ist es doch eingetreten. Wie unangenehm.

Lottospieler sehen das anders. Sie kennen sich aus mit dem Restrisiko. Etwa 1 : 140 Millionen beträgt die Wahrscheinlichkeit, beim Lotto den Jackpott zu knacken um, sagen wir einmal, 20 Millionen Euro zu gewinnen. Also recht unwahrscheinlich, oder?

Alles theoretischer Kram, denken viele und spielen regelmäßig beim Lotto mit. Wir hoffen auf das unwahrscheinliche Ereignis, den Jackpot zu unseren Gunsten. Wir hoffen auf das Restrisiko. Entweder wir verlieren, wie gewöhnlich jeden Samstag aufs Neue, dann ist der gesamte Wetteinsatz verloren. Oder aber wir gewinnen. Und dann sind wir stolze Besitzer von 20 Millionen Euro und alles ist auf einmal anders.

Genau so ist es mit dem Restrisiko von Atomkraftwerken bestellt. Nur halt ein bisschen spiegelverkehrt.

Jeder Lottospieler weiß, dass das Unwahrscheinliche möglich ist. Wir haben es gewusst. Wenn wir den atomaren Jackpot zugereicht bekommen, dann ist alles auf einmal ganz anders. Das ist es, was wir in Tschernobyl gesehen und dann beinahe wieder vergessen hatten und was uns Fukushima erneut schmerzlich vor Augen führt.

„Die neue Nachdenklichkeit“ überschreibt das Handelsblatt seine Ausgabe vom 18./19, März 2011 und zitiert darin eine bemerkenswerte Aussage von Franz Fehrenbach, seit 1. Juli 2003 Vorsitzender der Geschäftsführung der Robert Bosch GmbH: „Wir müssen in Zukunft davon ausgehen, dass Restrisiken auch eintreten. Und wir müssen uns die Tragweite dieser Restrisiken bewusst machen vor jeglicher neuen Technologie-Einführung.“

Wir Lottospieler können ihm da nur zustimmen, wir wissen, dass der Jackpot unwahrscheinlich aber möglich ist.

Das Handelsblatt beschließt seinen Artikel über die neue Nachdenklichkeit mit einem Verweis auf den 1903 in Mönchengladbach geborenen und 1993 in New York verstorbenen Philosophen Hans Jonas:

Eins steht fest: Von dem Werk des Philosophen Hans Jonas, der im Harrisburg Jahr 1979 das Buch „Das Prinzip Verantwortung“ veröffentlichte, können wir immer noch viel lernen. Jonas entwickelte eine Ethik für das Zeitalter der Großtechnologien. Sein Kernsatz: „Handle so, dass die Wirkungen Deiner Handlungen verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden“.

Die Anleihe am Kantschen Imperativ ist unübersehbar und gewollt.

Das ist die Ethik des Restrisikos: dass die Frage, ob wir ein Restrisiko eingehen sollten oder nicht, eben keine technisch-naturwissenschaftlich-mathematische Frage nach der Größe des Restrisikos ist, sondern eine ethische Frage, die sich nicht mit einem Taschenrechner beantworten lässt.

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Tanzmaus